Psychophysiologische Studien

Die Psychophysiologie befasst sich mit den Beziehungen zwischen physiologischen und psychologischen Aspekten des Verhaltens.

‚Die Psychophysiologie ist interdisziplinär und vereint verschiedene Fachbereiche wie Psychologie, Psychiatrie, Neurowissenschaften, Biologie, Physiologie, Anatomie, bildgebende Verfahren, Biophysik und Ingenieurswissenschaften. Dabei baut sie auf anderen Disziplinen wie Mathematik und Computerwissenschaften auf.‘
- 2007, Australasian Society for Psychophysiology, Inc.

Psychophysiologen untersuchen die physiologischen Reaktionen auf psychologische Prozesse (die Beziehung zwischen psychologischen Ereignissen und neuronaler Antwort) meist bei gesunden Menschen. Zum Beispiel:

  • Die Aktivierung einer Hirnstruktur beeinflußt die Erregung/Inhibition einer anderen Struktur
    • Ereigniskorrelierte Potentiale (EKP)
    • Elektroenzephalografie (EEG)
    • Funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRI oder fMRT)
  • Die Auswirkungen von Stress auf das kardiovaskuläre System – Vasodilation/Vasokonstriktion, Herzmuskelkontraktion oder Herzschlagvolumen
    • Herzschlagfrequenz (HF)
    • Elektrokardiogramm (EKG)
    • Herzfrequenzvariabilität oder Herzratenvariabilität (HRV)
  • Die Auswirkung eines kardiovaskulären Ereignisses auf ein anderes kardiovaskuläres oder endokrines Ereignis
  • Die Haut
    • Elektrodermale Aktivität; auch (psycho)galvanische Hautreaktion
    • Temperatur
  • Die Muskelaktivität
    • Elektromyografie (EMG)
  • Die Pupillenveränderung und Augenbewegung
    • Pupilliometrie
    • Elektrookulografie (EOG), auch Elektronystagmografie

Methode:
Früher wurden physiologische Reaktionen und autonom innervierte Organsysteme untersucht. In letzter Zeit gibt es vermehrtes Interesse die Mechanismen des zentralen Nervensystems zu entschlüsseln und kortikale Hirnpotentiale mittels ERP, EEG und fMRI zu untersuchen.

Der Schweizer Carl Gustav Jung (1875-1961) gilt als Begründer der analytischen Psychologie und machte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Messung der elektrodermalen Aktivität populär. Die Schweißdrüsen an den Hand- und Fußflächen werden durch den sympathischen Teil des autonomen Nervensystems innerviert und fungieren als variable Widerstände. Die sympathische Aktivität erhöht die Schweißsekretion, wodurch sich die elektrische Leitfähigkeit der Haut erhöht. Die Hautleitfähigkeit wird in Siemens (S) gemessen.

Die Untersuchungen am kardiovaskulären System werden dazu genutzt, die Auswirkungen oder Einflüsse von Stress zu untersuchen, beziehungsweise die Reaktion auf eine aufregende Situation, zum Beispiel über die Veränderung der Herzschlagrate (HRV), zu quantifizieren. Auch die Muskelaktivität, Atmung und Augenbewegungen werden zu Untersuchungen herangezogen.

Die Mikrozirkulation steht unter autonomer Kontrolle und reguliert die Temperatur und Sauerstoffversorgung des Gewebes. Die absolute Hauttemperatur ist individuell verschieden und wird durch den Stoffwechsel, Hautfett und verschiedene Gesundheitsfaktoren (Rauchen, Zuckerkrankheiten, erhöhter Cholesterinspiegel) beeinflusst. Die Hauttemperatur kann sich jedoch durch eine emotionale Reaktion kurzfristig ändern. Die Stressantworten, die das sympathische Nervensystem aktivieren, führen gewöhnlich zu einer verminderten peripheren Zirkulation und damit zu einer erniedrigten Hauttemperatur. Andererseits kann eine starke Aktivierung des parasympathischen Nervensystems eine lokale Erhöhung der Mikrozirkulation (Erröten) bewirken.

Die Stimuluspräsentation oder Reizdarbietung ist ein Teilbereich der Psychophysiologie. Den Probanden wird eine Abfolge von Reizen (visuell, auditorisch, etc.) dargeboten und die Reaktion quantitativ und qualitativ gemessen. Psychophysiologen können dann die gesammelten Daten für Analysen wie zum Beispiel den Grad der positiven oder negativen Einstellung, primäre und sekundäre Reaktionen und die Hierarchie des sensorischen Systems, Wahrnehmung, Lernen, Adaption und Biofeedback heranziehen. Zu den messbaren Parametern gehören

  • Reaktionszeit
  • Dauer der Antwort
  • Bewusste Antworttypen (positiv oder negativ)
  • Evozierte Antworten (Biopotentiale, EOG, EEG, EMG)
  • Unterbewusste Antworten (Herzschlagrate, Atemrate)

Anwendungen
Lügendetektortests sind ein Beispiel für die Anwendung und Interpretation von psychophysiologischen Daten. Die Untersuchung von physiologischen Antworten einer Person auf eine Reihe von Fragen kann Hinweise liefern, ob diese Person ehrlich antwortet. Lügendetektoren - umgangssprachliche Bezeichnung eines Polygraphen oder Mehrkanalschreibers - zeichnen die Atmung, Augenbewegung, Muskelaktivität, Herzschlagrate, Hautleitfähigkeit und Hauttemperatur auf. Der Einsatz eines Lügendetektors ist jedoch umstritten, und die Resultate können, zum Beispiel durch einen geübten Lügner oder einen voreingenommenen Befrager, verfälscht sein.

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